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Dealer ? 2005

weiter
Und schon waren sie wieder weg.
Richtung Fußgängerzone.
Ich bin dann kurz ausgestiegen, in den Rollstuhl und habe mir die kleine Placke angeguckt.
Es waren von der Doppelstoßstange am Mercedes 280 SE lediglich die Gummis hinten herunter gedrückt.
Aber da wir nicht Schuld waren und weil es nicht mein Auto war, wollte ich auch nicht unbedingt den Unfallort verlassen.
Es hätte uns auch Schwierigkeiten bereiten können, abzuhauen.
Also überzeugte ich Hank, dass wir das jetzt richtig durchziehen.
„Wir müssen zuerst zu Hause Bescheid sagen, dass das heute alles später wird.
„Oh, was sagen wir denn jetzt am Telefon?, fragte Hank.
„Na..., dass wir uns auf der Rückfahrt vom Krankenhaus in Mainz in Frankfurt verfahren haben. Das wir durch einen Großeinsatz der Polizei einen kleinen Unfall haben und etwas später kommen.
Es dauerte wohl noch eine halbe bis dreiviertel Stunden, bis der erste Polizeiwagen zurückkam.
Wir wurden gebeten, in die Fußgängerzone zu fahren, weil wir dort nicht hindern würden.
Ich bin wieder ausgestiegen und habe ein Gespräch mit dem Polizeibeamten geführt, die mittlerweile mit einem VW – Bus und zwei PKWs bei uns standen.
Es wurde mir erklärt, dass das alles kein Problem wäre, man müsste nur auf die Kollegen aus einem anderen Kreis warten.
Die Kollegen aus Wiesbaden sollten bei einem Unfall, diesen dann aufnehmen.
Da es schon wieder leicht am Regnen war, sicherte mir der Polizeibeamte zu, dass der Unfall ohne Schwierigkeiten aufgenommen würde.
Ich könnte ruhig wieder in unseren PKW einsteigen.
Ca. eine Stunde später, waren die Kollegen aus Wiesbaden da und binnen kurzer Zeit war der Papierkram erledigt.
Hank nahm unsere Papiere entgegen, wir verabschiedeten uns und fuhren Richtung Heimat.
Mein Onkel Leo hat sich damals fast totgelacht, als ich ihm von unserem achtzehnstündigen Tag erzählte.
Er hat einfach an seinem Mercedes die Gummis neu aufgezogen und befestigt und man hat schon nix mehr am Auto gesehen.
Dann hat er noch 1800 DM für den Schaden kassiert und sich amüsiert, als wenn er dabei gewesen wäre.
Seit jener Zeit lag Kokainum immer in greifbarer Nähe.
Und doch hat es Jahre gedauert, bis der Tobi es dann vom Speicher geholt hat.
Ich glaube nicht, dass es das erste Mal war, dass er das konsumierte.
Ich weiß es nicht.
Es war einer dieser Abende, wo Tobi meinte:
„Und jetzt müsste man ne kleine Schweinerei haben.
Es war wie ein Deja vue – Erlebnis.
„Schweinerei? Wie groß soll die denn sein?
„Ach, ein bisschen Pepp oder Koks wäre nicht schlecht.
Und er begann mir die Vorteile und Wirkungsweise von Exstasy, Pepp und Koks vorzubeten.
„MDMA. Das musst du mal unbedingt probieren! Das gibt so ein Wir – Gefühl. Da bist du drei Tage gut drauf.
Laber – Laber – Laber
Weil ich an diesem Abend zu Hause alleine war und ein gewisses Open – End angesagt war, kam es bei mir zum ersten Versuch, Kokainum zu konsumieren.
„Eine kleine Schweinerei habe ich da. Was soll´s denn sein? Willst du Koks?
Sofort stieg der Adrenalinspiegel bei meinem Gegenüber.
Seine Wangen röteten sich und die Vorfreude war riesengroß.
„Kokain? Du hast Kokain hier?
„Ja, ich glaube schon. Ich hab es wenigstens als Solches gekauft
„Was soll das heißen? Wieviel hast du denn?
„Ja, ein Gramm oder so...
„Ein Gramm! Das ist aber viel.
„Ja, wir müssen es ja nicht alles auf einmal nehmen, oder?
„Ja, das stimmt auch wieder. Wo ist es denn? Dann hole ich es mal.
„Ach herje, dass wir jetzt aber kompliziert. Also pass auf.
Eine exakte Beschreibung brachte baldige Erfolge und Tobi erschien mitsamt dem weißen Mc Donalds Löffelchen und dem Gramm Kokain.
„Wieviel holt man denn da normalerweise?
„Der Dealer hat gesagt, so ein gehäuftes Kaffeelöffelchen würde hinkommen.
Urplötzlich brach bei Tobi ein heftiges Nasenbluten aus.
Mein erster Gedanke war nur: Der alte Hypochonder!
Jetzt lebt er das auch schon wieder voll aus.
Wir hatten noch nichts geschnieft und dann schon Nasenbluten.
Es war wohl das Adrenalin und die Aufregung.
Auf jeden Fall, es half ein nasser Waschlappen im Nacken und das Problem war beseitigt.
Nach all der Aufregung, sniefte jeder eine Nase von uns.
Vorsichtig wollten wir uns herantasten.
Tobi meinte nach einer halben Stunde:
„Da passiert nix! Ich schieß nochmal nach.
„Nun übertreib es doch nicht schon wieder! Wir haben doch den ganzen Abend Zeit.
Wir saßen beim Fernsehen und warteten darauf, dass irgendetwas passieren sollte.
Jeder von uns hatte das ständige Gefühl, eine Rotznase zu haben und zog fortlaufend die Nase hoch.
Rotznase!
Und sonst kam nicht viel.
Ich war dann der Meinung, dass wir wohl mehr Kiffer waren, also Raucher und das deshalb das Kokain nicht so wirken würde.
Man müsste es wohl mal rauchen, vielleicht würde es dann ganz anders kommen.
Tobi meinte:
„Ich zieh noch ein Näschen und dann ziehen wir uns noch einen Film rein.
Das Kokain wurde wieder sicher versteckt und der Abend endete tief in der Nacht.
Es war wieder einige Zeit vergangen, als mich dann der Freddy besuchte.
Freddy war Zeitsoldat beim Bund und kam immer mal wieder zu einem Kurzbesuch vorbei.
Zur Hochzeit war er sieben Mal an einem Tag bei mir.
Auf einen Kaffee, auf eine Zigarette, auf einen kleinen Plausch.
Und ab und zu wurde ein Joint geraucht.
Nicht jeden Tag.
Freddy und ich hatten einen regen Gedankenaustausch und spielten auch schon mal Überraschungsspielchen und an diesem Abend wollte ich ihn überraschen.
Ich hatte den ganzen Abend auf den schon üblichen Spruch gewartet.
„Und jetzt ein Näschen Koks! Dann bleib ich hier bis morgen früh.
„Ja, dann, Freddy, wird das wohl ein langer Abend werden.
„Dann brauch ich aber einen gemütliche Asbach dazu. Damit wir nicht so auffallen, wenn wir breit sind, meinte Freddy dann ganz cool.
„Ich trinke meinen Asbach aus einem kurzen Glas und spüle mit Tee, wenn’s zu schlimm wird.
Freddy stand auf, besorgte die Getränke, eine Tüte Chips in Reichweite und goss schon mal zwei Becher Tee nach.
Dann kam der Spruch: „Wenn ich schonmal stehe... Wo ist es?
Denn eigentlich war Freddy noch immer davon überzeugt, ich würde ich aufziehen.
„Oh wei, Freddy! Jetzt habe ich vergessen wo es ist! Ich glaube irgendwo auf dem Speicher!
„Nee, ne! Das ist jetzt aber wirklich nicht wahr? Wenn du mich jetzt verarschst!
„Doch echt, Freddy! Das Koks lag zuletzt, glaube ich, auf dem Speicher.
Freddy wurde wibbelig.
„Wie jetzt? Wo jetzt? Sag an!
„Ah ja, Freddy. Ich wollte dich ja überraschen. Nicht, dass du jetzt einen Hals kriegst. Es liegt da vorne im Schrank, ganz hinten hinter den Büchern.
„Nee, echt jetzt? Hast du jetzt Kokain hier oder nicht?
„Ja, du weiß doch jetzt, wo es liegt. Warum holst du es denn dann nicht?
Der etwa 5 minütige Dauerstress fiel sofort von Freddy ab, als er freudestrahlend aus der Bücherecke kam.
„Ich habe das das letzte Mal gesnieft. Das kam irgendwie nicht richtig. Ich denke, wir sollten es in einer Tüte verdrehen und rauchen.
„Ja, das ist ja wohl das kleinste Problem, oder?
Freddy baute ne 3 – Blatt – Tüte und streute das Kokain wie Puderzucker in den Tabak.
„Nicht soviel, Freddy.
„Ja, ja! und streute weiter.
Jetzt war er der Macher und da ließ er sich nicht dazwischen reden.
Ich glaube Freddy hatte schon Kokainerfahrungen oder was auch immer.
Es war kein Nase schniefen da, keine Rotznase!
Und plötzlich, ganz überraschend, war ich platt wie ein Fisch.
Tod.
Ich wollte etwas sagen und konnte es nicht.
Ich wollte meine Hände bewegen, nix mehr.
Ende.
Gedanken rauschen Vollgas dahin und gleichzeitig bist du tot.
Ich fühlte mich so behindert, wie ich mich noch nie in meinem Leben gefühlt habe.
Nichts ging mehr.
Es war die Hölle.
Gefangen in meinem gelähmten Körper war ich zur Regungslosigkeit verdammt.
„Ich will mich nie mehr in meinem Leben so behindert fühlen, Freddy. Das werde ich nie mehr im Leben tun!
„Wie jetzt? Was soll ich denn jetzt mit dem Kokain machen? Ich find, dass ist doch alles ganz normal und es ist doch auch noch soviel davon da. Was wird denn jetzt damit?
„Nimm es mit und wirf es weg!
„Was? Wegwerfen? Na gut! Wenn du meinst. Es war doch ein ganz guter Abend bis jetzt. Wir hatten viel Spaß und du hast mich auch ziemlich gut mit deiner Mutter auf den Baum geschickt.
Dauernd dieses: Freddy, wenn meine Mutter jetzt reinkommt, muss ich ihr sagen: Ich bin tot.
„Ja wa! Lustig ist es zwar im Kopf. Aber sonst war ich total tot heute abend. Das werde ich nie mehr machen. Hol´s mit. Wirf´s weg. Tot will ich nie mehr sein.
Ich hätte besser darauf bestanden, dass er es direkt in den Klo wirft und abzieht.
Denn wie war der Spruch?
„Eine kleine Schweinerei kann nicht schaden.
Solange man nicht davon stirbt.
Mein anfänglicher Verdacht, dass mein Kokain schlecht geworden sein könnte oder gar in der Wirkung nachgelassen hätte, konnte sich nicht bestätigen.
Wie Freddy mir später gestand, ist er mit meinem Koks Tage später in die Disco gefahren und hat da eine riesen Sause veranlasst.
Der ganze harte Kern hat sich einen reingepfiffen und es wurde die ganze Nacht, bis früh morgens, eine herbe Sauftour gehalten.
Alle waren sie dabei und scheinbar war niemand das erste Mal dabei.
So bekam ich meine Rückmeldungen über Suchtstand und Drogenverbrauch.
Ich beschloss nie mehr irgendetwas außer Haus zu geben und nie mehr etwas anderes zu konsumieren außer Gras.
Denn ich fühlte mich wie der letzte Arsch!
Das Gegenteil von dem, was ich wollte, hatte ich selbst auf den Weg gebracht.
Schuldig, Herr Richter.
Ein Fehler, der mir nie passieren sollte.
 
Im Namen des Wahnsinns
 
August 1995, Hank landet in Andernach. Die Landesnervenheilanstalt Andernach ist bei uns als Klapsmühle bekannt. Geschlossene Psychatrie. Anders als im Gefängnis hängen hier Telefone auf dem Flur. So konnte er mich auch einmal anrufen.
„Michael, ich bin in Andernach! Was soll ich jetzt machen?
„Ja, ich würde sagen, am Besten ist einfach, du bleibst mal ein paar Tage da. Ruh dich ein bisschen aus, dann brauchst du in der Zeit auch nicht arbeiten zu gehen.
„Ja? Meinst du? Ja? Meinst du das wirklich?
Er wiederholte sich, weil er unter starken Beruhigungsmitteln stand.
„Ja, mach mal Urlaub!
Die Jungs hatten es übertrieben.
Der Konsum war ins Unermessliche gestiegen. 3 Gramm Haschisch pro Nase am Tag war keine Seltenheit.
Es wurden nur noch Eimer geraucht, der über 10 mal stärker wirkt.
Nach ca. einem halben Jahr waren alle, die die WG besuchten bei einem Konsum von ca. 20 – 30 Eimer am Tag.
Wenn mal eine Party war und das war eigentlich immer, auch schon mal das Doppelte.
Je mehr Eimer geraucht wurden, desto kürzer war ihre Wirkung.
Man sparte nicht wirklich was durchs Eimer rauchen.
Anders als beim Joint ließ die Wirkung schon nach 20 – 30 Minuten wieder nach und es wurde ein neues Köpfchen gemacht.
Gleichzeitig wurden Pillen geschluckt. Je nach Typ und Wirkung bis zu 10 Stück am Tag. Bei guten Pillen reichten auch schon 1 – 2 Stück am Tag.
Nebenbei wurde Pepp gesnifft, wenn man Geld hatte auch Koks.
Pillen kosteten 10 – 20 DM das Stück.
Pepp kostete 10 –15 DM das Gramm.
Kokain zwischen 150 – 180 DM das Gramm.
Haschisch war das billigste, weil es am meisten konsumiert wurde. Man bekam es für 6 DM das Gramm in unserem Ort.
Gras war selten und teuer.
Zwischen 10 – 15 DM das Gramm musste man zahlen, wenn man die sanfteste Droge von allen konsumieren wollte.
Es war schwierig an Gras heran zu kommen, denn niemand wollte damit dealen.
Es war kein Geschäft zu machen mit halb lebender Ware, die dann verdunstete.
Es gab auch die Momente wo jemand Mushrooms dabei hatte.
Psylos, halluzigene Pilze.
Wer die dabei hatte, kam gerade aus Holland.
Zwischen 10 – 25 DM kostete eine Pappe.
Der Name kommt von Papier.
LSD auf einem perforierten Bogen getropft.
Zum Abreißen wie ein Briefmarkenbogen.
So viel Geld man hatte, so viel Drogen wurden konsumiert.
Am Anfang kostete Schore (Heroin) 30 – 40 DM pro Gramm.
Als man später die Dealer hier näher kannte, bekam man es auch für 15 – 20 DM pro Gramm.
Die Mengen waren gestiegen, der Preis war gefallen.
Alkohol galt als ständiger Begleiter. Ein 6er Pack Bier beim Tanken kam immer mit.
Die Jungs drehten volle Kanne am Rad.
Es wurde konsumiert was der Teufel hergab.
Teufelszeug war angesagt.
Der größte Kick wurde mit Heroin erreicht.
Heroin war nicht jedermanns Sache. Man redete sich die schlimmen Nebenwirkungen aus.
Solange man Blech rauchte war man nicht süchtig. Abhängig waren nur die mit der Spritze.
1 Gramm Chemie war immer angesagt pro Nase. Bei Pepp konnte der Konsum zwischen 0,5 – 2 Gramm liegen.
Bei Heroin konnte es auch das Doppelte sein.
Bei Pappe und Extasy hatte man immer ein mulmiges Gefühl, weil man die Wirkung schlecht einschätzen konnte und man immer mit kleinen Mengen antesten musste.
Die Allerhärtesten aus der Gruppe rauchten auch mit Amonjak aufgekochtes Kokain (Crack).
Glaspfeifchenbesitzer sind Crackraucher.
Wie viel man verbrauchte, lag immer an der Qualität des Stoffes.
Sie hatten alle ein Tier zu füttern, das von Drogen lebte.
 
Auf Hanks Fahrt in die Klinik sah er noch einmal die Lichter der Stadt.
Wie in dem Lied „Der Goldene Reiter von Joachim Witt.
Sie brannten wie Feuer in meinen Augen, ich fühle mich einsam und unheimlich schlapp.
Hey, hey, hey, ich bin der goldene Reiter
Hey, hey, hey, ich bin das Glück dieser Stadt
Hey, hey, hey, ich stand so hoch auf der Leiter
Und dann fiel ich ab
Und dann fiel ich ab
Sicherheitsnotsignale, lebensbedrohliche Schizofrenie, neue Behandlungszentren bekämpfen die wirklichen Ursachen nie.
Noch heute ist Hank jederzeit in der Lage den Text wiederzugeben.
Andernach hat sich eingebrannt.
Niemand den ich kannte, hätte hinter der Kifferfassade diesen Drogensumpf vermutet. Keiner wusste, wie krank man wirklich war.
Alle wurden im Glauben gehalten, man konsumiert nur Haschisch.
Ich hatte schon länger keinen größeren Kontakt mehr zu der Gruppe, war jedoch immer Bestens informiert.
Max und sein Bruder, Hank und Tita sowie Tobi ließen sich nur noch selten blicken.
Plötzlich stand Hank in der Tür.
Die Jungs wussten, hintenrum ist der Spezialeingang.
Er diente zum Notfall, wenn es mal besonders bedrückend war.
Normalerweise musste man immer an der Haustür klingeln, doch wenn man Glück hatte, kam man auch so an Meckerchen vorbei.
Achtung die Nette kommt war die Parole.
Wenn meine Mutter zu ihren Steppvisiten erschien, dann war Konzentration angesagt.
Achtung, die Nette kommt, war für mich oft das einzige Mittel, um die Gesellschaften bei mir zu beruhigen.
Wenn sie wieder laut wurden, dann musste ich einschreiten.
Manchmal saß ein Einzelner bis tief in die Nacht bei mir.
Dann musste es leise sein.
Um hier die nötige Ruhe einzufordern, hatte ich die Losung Eins ausgegeben.
Eins stand für die unterste Lautstärkestufe im Radio.
Schon nach kurzer Zeit hieß Eins, Schnauze halten, Ruhe und ich hatte meinen Spitznamen weg.
Wann warst du denn das letzte Mal beim Eins.
Ständig lachte und amüsierte man sich über die Vorkommnisse und Kapriolen bei mir zu Hause.
Schon jeder hat einmal mit der Decke gewedelt um Frischluft herbei zu schaffen.
Die Nette kommt. Das wirkte für alles.
Wenn sie mal auf Kegeltour war, konnte es auch schon mal passieren, dass einer bei mir auf der Hundedecke eingeschlafen war.
Ich hatte damals einen ca. 70 – 80 Kg schweren Dobermann, Bernhardiner, Neufundländermischung.
Er hielt Wache über meinen Noteingang über dem Balkon. Er war absolut harmlos und zutraulich. Er war aber auch eine stattliche Erscheinung, mit einem brummigen Bellen. Er lief immer frei herum und konnte sich jederzeit auf den benachbarten Wiesen seiner Geschäfte entledigen.
Eines Tages, mein Hund Criss lag vorne in der Wohnung vor der Haustür. Max war da gewesen und wollte gehen
Er war schon gegangen und kam wieder zurück.
„Michael, dein Hund liegt vor der Tür. Was soll ich machen?
„Ach gut, dass du zurückkommst. Du kannst mir hier einen Videofilm anstellen.
Dann kannst du rüber zu dem Hund gehen und ihm sagen, dass du einen Film angemacht hast und er kommen soll um ihn zu gucken.
„OK. Das mach ich.
Kurze Zeit später war Max wieder da.
Er kontrollierte zum x ten mal den Vorhang zu meinem Zimmer und sagte ganz enttäuscht: „Ich glaube das interessiert den gar nicht. Er hat mich zwar angeschaut, aber dann hat er sich wieder hingelegt.
„Macht ja nichts, Max, gib mir gerade noch ne Zigarette und einen Aschenbecher und dann gehst du hier hinten zum Balkon raus!
„Oh ja, das ist ne gute Idee.
Jeder kannte die Späße und den Blödsinn, den ich mit ihnen anstellte.
Jeder war schon irgendwann auf irgendetwas hereingefallen.
Es war immer harmlos und wir haben viel gelacht.
So wie an dem Tag als Hank und Freddy da waren.
Wie immer hatte ich nach dem Tütenbau alles aufräumen lassen.
Tabak weg.
Dope weg.
Aschenbecher geleert und Getränke aufgefüllt.
Es wurde immer aufgeräumt.
Darauf bestand ich.
„Wer macht sie an? Willst du sie anrauchen?
Diesmal wollte Hank auftrumpfen und sagte: „Wer sie anraucht, sollte auch mal einen riesen Zug über die Nase nehmen.
Mit dem Zeigefinger ein Nasenloch zugehalten und dann mit der anderen Hand die Tüte an die Nase gehalten und dann einen tiefen Lungenzug gemacht.
„Das wär ein Ding, wa?
„Nee nee, lass mal, dass muss ich mir nicht geben, meinte Freddy noch.
Hank forderte Aufmerksamkeit und meinte: „So habe ich mir das vorgestellt.
Er zog alles was seine Lungen hergaben über die Nase ein. Der Joint glühte auf und es stand für uns fest, der brennt.
Hank stürzte sofort nach dem Ausatmen in einen Hustenanfall. Er hatte wie bekloppt an dem Joint gezogen und erst beim Ausatmen wurde mir klar, dass war echt.
„Hast du das gesehen? Das gibt’s doch gar nicht, das glaub ich nicht.
Freddy und ich waren baff.
Unglaublich dieser Hank.
Ein Bekloppter!
„Hier nimm mal die Tüte.
„Was denn, soll ich jetzt deinen angesabberten Joint hier weiterrauchen?
Ja klar, putz ihn etwas ab, dass geht schon noch.
Jetzt war Hank wieder da und er hatte Probleme.
Ich musste ihm helfen, ich musste ihn runterbringen.
Er hatte Halluzinationen und Verfolgungswahn.
Nur mit viel Mühe und langen Gesprächen, konnte ich ihn dazu bringen, zum Arzt zu fahren. Er wollte sich nicht beruhigen und helfen lassen.
Nur mit aller Mühe konnte ich ihn herunterreden. Ich empfahl ihm eine Schlaftablette zu nehmen und sich mal auszuschlafen.
Nur durch die tatkräftige Unterstützung meiner Freundin gelang es mir dann, ihn zu seiner Mutter nach Hause zu bringen, um dort zu schlafen.
Endlich war er einigermaßen gut versorgt.
Der Tobi wurde mobilisiert und sollte ihn im Namen seiner Mutter am nächsten Tag ins Krankenhaus bringen.
Entgiftungsstation Andernach war seine jetzige Adresse.
 
Die spanische Wand und wie sie mich meinen besten Finger kostete
 
Es fängt alles ganz harmlos an.
Plötzlich findest du ein eingeschaltetes Babyfon in deinem Zimmer oder es liegt ein kleines Diktiergerät irgendwo rum oder du findest ein kleines Loch in der Tür.
Ganz unscheinbar hatte es schon längst begonnen.
Die Eltern.
Ihre Sorgen, ihre Nöte. Sie steigern sich bis ins Unermessliche.
In ihrer Panik würden sie alles tun um zu Wissen, um zu Helfen, um es auszuradieren, um es zu bekämpfen, wenn es gefährlich ist.
Sie sind geimpft mit dem Gedanken, ihre Kinder vor Drogen zu schützen.
Sie können nicht objektiv sein, denn sie sind an ihre Gefühle gebunden.
Sie sind subjektiv und das ist schlecht für jede Diskussion.
Was haben wir falsch gemacht, wird sich gegenseitig vorgeworfen.
Das Idyll ist zerstört.
Die heile Welt liegt in Trümmern. Der Alltag hat alles aufgefressen. Man war zur Zweckgemeinschaft mutiert. Wie konnte das passieren?
Man hatte sich doch geschworen immer und zu jeder Zeit für seine Kinder da zu sein.
Was machen wir jetzt?
Und was sagen die Leute?
Ab sofort hat sich auch ihr Leben geändert. Sie scheuen die Öffentlichkeit, es könnte ja schon jemand wissen. Das muss uns passieren. Warum ausgerechnet uns? Alles wofür man lebte und arbeitete scheint zerstört.
Depressionen und Selbstmordgedanken kommen auf. Das Versagen als Eltern wird deutlich und man will und kann nicht mehr.
Mit wem soll man reden? Soll man die Polizei anrufen? Was für ein übler Gedanke.
Das sollte unsere letzte Möglichkeit bleiben. Alles Andere, nur das nicht.
(Plötzlich haben die Eltern Angst vor ihrem Polizeistaat, den sie doch so mögen)
Es sind immer die Umstände, die zu einer Katastrophe führen.
Die Summe der Dinge bestimmt immer das Ergebnis.
Andere Menschen glauben, es könnte der Zufall gewesen sein.
 
Es fing ganz harmlos an.
Es war ein Nachmittag wie er immer schon einmal vorkommen konnte.
Tagelang, manchmal wochenlang kam niemand und dann kamen die verschiedensten Leute alle auf einmal.
Meine vier Richterstühle (meine Mutter hatte sie als Nachlass auf einer Auktion ersteigert, sie standen ursprünglich im Richterzimmer des aufgelösten Amtgerichtes) waren schon besetzt und einer saß auch schon auf dem Hocker.
Man hatte sich auch untereinander wohlmöglich schon länger nicht mehr gesehen und wie ein Geistesblitz, eine gute Idee, wollte man noch einmal den Michel besuchen.
Es wurde geratscht und getratscht und wenn der Moment günstig erschien, dass meine Eltern vielleicht im Garten waren oder ihren Schönheitsschlaf machten, dann konnten wir eine rauchen.
Mein zu Hause wirkte immer elektrisierend auf die Leute, die mich besuchen kamen.
Da durch meine Lähmung jeder Zeit Hilfe nötig werden kann, war es ganz normal, dass meine Eltern nach mir schauten.
Es wurde der Urinbeutel kontrolliert.
Ich trank etwas und es wurde nachgefüllt.
Schon seit jener Zeit kontrollierte meine Mutter, was hier konsumiert wurde, indem sie ganz unauffällig nebenbei den Aschenbecher entleerte.
Jahre später, wenn ich sie mal drankriegen wollte, brauchte ich nur dafür zu sorgen, dass alle Stinker im Klo verschwanden.
Sie waren wohl der festen Meinung, dass ich nicht mitrauchen würde.
Ich wusste es nicht genau.
Denn auch heute noch ist zwischen uns eine spanische Wand aus Beton.
Es war eine lustige Runde die damals bei mir saß.
Der Besuch wollte nicht enden, denn es kam auch noch Hanks Mutter vom Friedhof zu Besuch.
Sie hatte ihr kleines Enkelkind an der Hand und wollte auf dem Nachhauseweg einen Guten Tag wünschen. Sie stand mit dem Kind an der Hand an dem Fußende von meinem Wasserbett.
Heute war ein guter Tag, denn es war viel Besuch da.
Großmutter und Enkelkind blieben eine Weile und verabschiedeten sich dann.
Später als schon Einige gegangen waren, kam auch noch neuer Besuch. Es war einer dieser Tage, die immer mal wieder überraschend passieren konnten.
Ich selbst lebte von Tag zu Tag. Ich wollte nie irgendwelche Zukunftspläne machen.
Es kann jeden Moment vorbei sein. Ich mache mir keine Sorgen über morgen.
Seit jener Zeit lebe ich im jetzt und hier.
Ich gebe mein Bestes und das nicht morgen oder gestern.
Querschnittlähmung schärft die Sinne und bedeutet schlagartig eine neue Sichtweise der Welt
Man könnte es auch Realitätssinn nennen.
Das, was den meisten Drogenabhängigen verloren geht, hatte ich im Überfluss.
Hier lag die Realität im Bett.
Ich hatte an diesem Tag mitgeraucht und trotzdem war alles wie an jedem Abend.
Meine Mutter kam und machte ihren letzten Rundgang.
Es war alles wie immer.
Ich wurde mitten in der Nacht um 2 Uhr wach. Plötzlich und überraschend überall diese Hitze.
Ich schmiss die Fernbedienungen von meinem Bauch in die Mitte von meinem Bett.
Ich fummelte irgendwie die Decke nach unten.
Nur nicht zu weit.
Nicht, dass ich da nicht dran komme.
Denn wenn es mir nicht kühler werden würde, müsste ich sie ja wieder hochziehen können.
Damit ich sie noch zu packen bekomme um sie auf den Boden zu werfen.
Hatte ich wieder eine Harnwegsinfektion oder hat mich irgendjemand angesteckt?
Hatte ich einen Schnupfen, oder was, schoss es mir durch den Kopf.
Um nicht unnötig die Nachtruhe meiner Eltern zu stören, warf ich in solchen Fällen, wenn es klappte, die Decke auf den Boden.
Ich wollte schon mal abkühlen und wenn es dann genug war, konnte ich ja immer noch klingeln.
Wenn ich dann abgekühlt war, konnte es passieren, dass ich eingeschlafen bin.
Das sollte und durfte nicht passieren.
Doch diesmal war alles anders.
Ich kühlte nicht ab und die Hitze in meinem Rücken wurde unerträglich.
So quälte ich mich durch die Nacht und hoffte auf Besserung.
Irgendwann gegen Morgen, ich kämpfte gerade mit dem Einschlafen, klingelte ich dann und ließ mir von meiner Mutter die Decke zurückgeben.
Sie machte sich Sorgen und schrie:
„Bist du verrückt? Nicht, dass du bei der Kälte nachher eine Lungenentzündung hast.
Ich schlief unterkühlt ein und wachte am nächsten Morgen wieder schweißgebadet auf.
Überall diese Hitze, boah ey, was soll das denn?
Es wurde eine Urinprobe zum Arzt gebracht, Fieber gemessen und Wadenwickel gemacht.
Bis zum Abend schien alles wieder einigermaßen OK zu sein.
Alles war wie jeden Abend, dachte ich.
Nachdem meine Eltern schlafen gegangen waren und ich wieder, diesmal um 1 Uhr, mitten in der Nacht wach wurde, wiederholte sich das selbe Spektakel wie in der Nacht zuvor.
Ich hatte große Hitzeprobleme und gleichzeitig war mir kalt.
Gegen morgen hustete ich schon und merkte den Anfang einer Bronchitis. Aus einer Bronchitis wurde eine Lungenentzündung
Bei einer Lungenentzündung brauche ich alle 10 – 20 Minuten jemanden zum Husten helfen. Ansonsten drohen die verschleimten Bronchien die Lungen zu verschließen.
Alles läuft zu und es droht Sauerstoffmangel und der Erstickungstod.
Erst 2 Tage später fand ich des Rätsels Lösung für all meine Hitzeattacken.
Als letztes, als aller, aller letztes dachte ich daran, dass ich auf einem Wassersack liege, wo einen Heizung darunter war.
Die war verstellt.
Der Drehknopf am Fußende meines Bettes war bis zum Anschlag gedreht.
Endlich wusste ich wieso, aber es war schon zu spät
Es kam zu einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung. Ich hatte so etwas schon zwei dreimal überstanden.
Einmal nur ganz knapp. Ich war schon einmal fast an Sauerstoffmangel gestorben.
Ich konnte mich daran erinnern, dass es schwer war, wieder mit dem Kopf ganz klar zu werden.
Von Sauerstoffmangel kann man bekloppt werden und das für immer.
Ich habe wohl einen Fehler gemacht und einmal zu lange gewartet mit dem abhusten.
Absolute Panik bei meinen Eltern.
Er spricht wieder Blödsinn.
Da müssen wir sofort was machen, sonst bleibt der verrückt.
Obwohl ich mich schon wieder viel besser fühlte, wurde der Arzt zum wiederholten Male gerufen.
Ich hatte mal wieder den Tod gesehen. Lächelte und nahm alles, was um mich herum geschah, nicht wirklich für ernst.
Ich war ihnen allen ausgeliefert. Ich hatte eh nichts mehr zu sagen.
Es blieb mir nur zu lächeln und dumme Sprüche zu machen.
Es muss ihm geholfen werden.
Er ist verrückt geworden.
Er muss in irgendeine Klinik. Ja, dann fahren wir doch in irgendeine Klinik. Es wurde ein Krankenwagen bestellt und ab dafür.
Bis dahin war ich immer ins Unfallkrankenhaus nach Koblenz gebracht worden, wenn irgendwas zu Hause schief lief.
Diesmal war alles anders.
Die Reise ging nach Andernach in die Nervenheilanstalt, auf die geschlossene Abteilung.
Zu diesem Zeitpunkt wehrte ich mich schon wieder.
Ich wollte hier nicht eingewiesen werden.
Ich fürchtete Druckstellen und mangelhafte medizinische Versorgung für meine Querschnittprobleme.
Ich bestand auf eine Antidecubitusmatratze in meinem Bett.
„Ja, ja die haben wir, da können sie ja jetzt hier bleiben.
„Ich will die sehen, vorher bleibe ich nicht hier.
Ich wollte ein Bett sehen, in dem eine Antidecubitusmatratze liegt, denn ich hatte schon meine Erfahrungen mit anderen Krankenhäusern gemacht.
Es wurde ein Bett herbei gebracht auf dem eine 30 cm dicke Matratze lag.
Mein Widerstand zerbrach und ich willigte ein, da zu bleiben.
Es war die Hölle.
Die Hölle steht in Andernach am Rhein.
Denn meine schlimmsten Befürchtungen wurden hier übertroffen.
Ich wurde in dieses Bett gelegt und auf mein Zimmer gebracht.
Dort lag ich dann 14 Tage rum. Ohne Klingel und ohne mich irgendwie bemerkbar machen zu können.
Das Pflegepersonal hatte überhaupt keine Ahnung von Querschnittgelähmten, keine Ahnung von Abführen und den nötigsten Dingen.
Keine Hilfestellung beim Essen, nichts.
Sie saßen nur stundenlang mit Kaffee und Zigarette im Schwesternzimmer rum.
Man brachte mir morgens das Frühstück, stellte es mir vor die Nase und sagte:
„Essen sie, Herr Thielen, und verschwand wieder.
Nach etwa 1 Stunde kam wieder jemand vorbei und sagte:
„Ach sie haben aber gar nicht viel gegessen, aber die Tabletten, die müssen sie noch unbedingt nehmen.
Die Tabletten wurden einem in den Mund gestopft, ob man wollte oder nicht.
Es gab wenigstens was zu trinken dazu.
Dieses Spiel wiederholte sich mehrere Tage.
Gut ging es mir nur, wenn mal Besuch durchgelassen wurde.
Meine Mutter kam, wenn sie konnte, alle 2 Tage. So konnte wenigstens das Abführen einigermaßen klappen.
Mein Besuch war der einzige Lichtblick in dieser Zeit.
Ansonsten der blanke Horror.
Ich bekam eine große Dosis hausüblicher Drogen verpasst
Mein Leben wurde zum Horrortrip.
Widerstandslos musste ich alles mit mir geschehen lassen. Ich war machtlos wie ein gefangenes Tier in der Falle.
Was sollte ich tun?
Was konnte man machen?
Wie eine Ratte, die mit dem Bein in der Falle sitzt und sich lieber das Bein abnagt, als getötet zu werden, fraß ich mitten in der Nacht meinen rechten Zeigefinger an.
Ich habe ihn eine ganze Nacht lang zerbissen.
Ich hatte ihn ganz weit in den Mund geschoben und kaute wie ein Irrer darauf rum.
Als es anfing zu bluten, machte ich weiter und weiter.
Ich habe mir meinen Zeigefinger von der rechten Hand angefressen.
Er war zum Wichtigsten geworden, was ich hatte in meinem Leben.
Mein Finger zum Jucken, Kratzen und Tasten drücken.
Es war eine riesen Sauerei am nächsten Morgen.
Frühstück bekam ich zwar immer noch nicht gereicht, aber ich musste Tabletten schlucken.
Meine verletzte Hand wurde provisorisch verbunden.
Meine Arme wurden ans Bett festgebunden.
Ein Querschnittgelähmter, dem man auch noch die Hände festbindet.
Erst der Besuch meiner Eltern konnte das wieder ändern.
Durch die miserable medizinische Versorgung und die noch schlechtere Pflege, dauerte es nicht lange bis das sich mein Finger übelst eitrig entzündete.
Es waren ca. 2 Wochen bis jetzt vergangen.
2 Wochen Hölle hatte ich schon hinter mir.
Doch plötzlich entstand Hektik.
Ein Arzt wurde gerufen.
Er sollte sofort und unbedingt meine Hand und meinen Arm untersuchen.
Es zog sich eine dicke blaue Ader von meiner Hand über den Arm hoch.
Blutvergiftung war die Diagnose.
Es musste sofort behandelt werden.
Mich regte das überhaupt nicht auf.
Ich war froh das endlich was passierte. Der muss zum Spezialisten, dass kriegen wir hier nicht hin. Wir sollten ihn ins Stadtkrankenhaus verlegen. Dort gibt´s den besten Chirurgen weit und breit.
Es begann die Hölle, zweiter Teil.
Man verlegt mich ins Stadtkrankenhaus auf die Spezialstation eines äußerst ambitionierten Arztes.
Er wollte unbedingt meinen Finger retten
Hier war man auch nicht auf Querschnittlähmung eingestellt
Ich kam ins letzte Zimmer auf der Station und badete mehrmals täglich meinen Finger in Bethaisadona.
Meine Tablettendosis war anfangs noch die selbe wie im Irrenhaus. In über 3 Wochen, in denen ich fast immer alleine auf dem Zimmer gelegen habe, drehte ich fast durch.
Sie verlassen meine Station erst wieder, wenn der Finger gesund ist oder wir machen eine OP und amputieren ihn.
Was sollte ich machen?
Ich fühlte mich zerbrochen, hilflos und ohne Kraft
Ich wollte doch nicht meinen besten Finger opfern, nur um hier wieder raus zu kommen
Wenn ich hätte gehen können, wäre ich abgehauen und ich hätte meinen Finger heute noch.
Na dann, ab damit.
Machen sie mir meinen verdammten Finger ab, damit ich wieder nach Hause kann. Ich hatte Angst und bekam das Gefühl, dass meine Lebensenergie bald zu Ende sein könnte.
Ich wollte wieder nach Hause.
Auf meine Insel.
In mein Ferrarirot lackiertes Wasserbett.
Meine Mutter meinte dann ein paar Monate später:
„So dankbar war er noch nie, als er wieder zurück kam.
Sie hatte wohl meine Erleichterung und Freude in den Augen gesehen.
Als mein Hausarzt dann zur regelmäßigen Monatsvisite erschien, fragte ich ihn, warum ich denn nach Andernach eingewiesen wurde.
„Natürlich nur, um dich und Andere vor Schaden zu schützen, den du dir und Anderen zufügen könntest.
Ich warf ihm vor, dass das ja wohl nicht geklappt hätte.
Oder wo ist jetzt mein rechter Zeigefinger?
„Ja, dass könnte auch nicht so sein. Das hätte niemals passieren dürfen. Ich werde sofort die Akte anfordern, denn da ist was schief gelaufen.
Meine Krankenhausakte ist auf nimmer wiedersehen verschwunden.
Die mussten sich alle vor Regressansprüchen schützen und ich habe bis heute noch nichts für meinen besten Finger bekommen, den ich verloren habe.
Ich werde bis heute mindestens 2 mal am Tag daran erinnert.
Seit jener Zeit muss mir ständig jemand 2 mal am Tag mit dem Wattestäbchen im rechten Ohr puhlen.
Meine Eltern sind schockiert, denn sie haben mich als wildes Tier erlebt, das ihrer Meinung nach durch Drogen entstanden ist.
Seit jener Zeit hat meine Mutter eine panische Angst, dass ich mich vielleicht tot kiffen werde oder was noch schlimmer wäre, wieder verrückt werde.
Denn dann hätte sie wieder die Arbeit mit mir.
Denn sie kennt das, wenn alle weglaufen und niemand mehr helfen kommt.
Sie befürchtet immer das Schlimmste.
 
Hölle oder Segen?
 
Lohnt sich ein Coming – Out?
Es war um 1996, 1997, als ich meiner Mutter offen sagte, dass ich Grasraucher bin.
Der Tobi war gerade verhaftet worden und es schossen die Diskussion darüber hin und her.
Jeder wollte sich mit seinen Vermutungen und Spekulationen an der Diskussion beteiligen.
Es war mein schwächster Moment, doch ich wollte für ihn und uns einstehen.
Ich gab offen zu, Kiffer zu sein und machte klar, dass ich das schon seit Jahren wäre.
Ich hatte es bis jetzt verheimlicht und heruntergespielt.
Doch das wollte ich ändern.
Ich wollte dazu stehen.
Es war auch der Tag, an dem ich mein kleines Paradies gegen ein kleines Stück von der Hölle tauschte.
Seit jenem Tag hat sich das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter total verändert.
Sie ist zu einem Meckerchen geworden.
Ohne wirkliches Verständnis für mich.
 
Filmdöschen und ihre verräterische Wirkung
 
Jeder kennt sie, jeder hat sie schon einmal in der Hand gehabt. Diese kleinen, runden Filmdöschen, in denen man früher seine Fotofilme aufbewahrte.
Eine ideale kleine Frischhaltebox.
Es wird wohl so um 1996 gewesen sein, als einer meiner besten Freunde verhaftet wurde.
Der Tobi sitzt im Knast.
Er soll mit Drogenhandel und Prostitution zutun gehabt haben und plötzlich hat sich die ganze Welt verändert. Alles war außer Rand und Band. Bis jetzt waren alle, die ich kannte in einer riesigen Gemeinschaft verbandelt. Ein Jeder kannte Jeden und doch Niemanden richtig.
Der größte Dealer im Umkreis saß im Gefängnis und das Drogenmilieu zerbrach.
Die ersten, die sich abisolierten, waren die Heroinkranken. Sie blieben für sich und unter sich und mieden den Kontakt zu Anderen.
Die Extasy und Pillen Typen tendierten aus Mangel an Drogen zum verstärkten Haschischkonsum oder griffen zum Alkohol und die Wenigsten von allen wollten eigentlich Marihuana rauchen.
Doch wie das immer so bei Junk – People ist, es lässt niemals einer ein gutes Gras an sich vorübergehen.
100.000 Pillen hat der Tobi im Monat vertickt und den gesamten Raum von Luxemburg bis über die Mitte der Eifel hinein versorgt.
Durch die plötzliche Verhaftung entstand ein riesiges Vakuum. Die Drogenszene war alarmiert und auch die Haschischverkäufer zogen sich zurück.
Die Polizei ermittelte in alle Richtungen.
Es war Sommer und mein Kumpel Alex und ich fuhren nach Gemünden ans Maar. Hier versammelten sich die diversen Leute aus der Szene. Es wurde Fußball gespielt, die Mädels breiteten ihre Decken aus und nahmen ein Sonnenbad, es wurde auch schon mal ein Bierchen getrunken, dumme Sprüche geklopft und der ein oder andere Joint geraucht. Doch eigentlich waren alle ein wenig auf dem Thrill.
Und dann kam mir die Idee.
Es war der größte Fehler in meinem Leben, doch ich dachte damals, ich könnte was bewegen und wollte die Ursprünge wieder entdecken und so nahm ich ca. 30 Filmdöschen und befüllte sie mit super, spitzen klasse Marihuana.
Ca. 8 g Gras wurden in ein Döschen gezwängt und dann in einer einmaligen Aktion von mir für einen Hunni unter die Leute gebracht.
30 Döschen, was ist das schon, hab ich zuerst gedacht. Doch meine Idee fand Nachahmer. Und schon eine Woche später sah ich in Gemünden am Maar, ein mir völlig unbekanntes Mädchen mit einem meiner Filmdöschen. Sie war aus einem Dorf, das ca. 20 Km entfernt war.
Es wurde mir klar, welche Kreise meine Filmdöschen schon gezogen hatten. Mein Versuch, alle wieder zu den Ursprüngen zurückzuführen, war voll geglückt.
Alle waren heiß auf Gras.
Jeder wollte den tollen Space erleben.
Ich hatte die Schnauze voll.
Ich wollte kein Dealer sein und war äußerst erschrocken über den Erfolg meiner Filmdöschen.
Ich habe diese, meine beschissene, Tat dann zur Selbstanzeige gebracht.
Ich habe das Polizeipräsidium angerufen und den Handel mit den 30 Filmdöschen a´ 8 g zugegeben.
Schon nach kurzer Zeit wurde ich zu Hause von 2 Polizeibeamten aufgesucht, welche meine Selbstanzeige aufnahmen.
Es war der erste und einzige Hausbesuch von Polizeibeamten in über 20 Jahren.
Dieses Gespräch war für mich äußerst aufschlussreich. Denn es wurde mir klar, dass der Polizei alles bekannt war, was die Drogenszene betrifft.
Ich wurde zu einzelnen Personen befragt und dazu ermutigt, hier eine konkrete Aussage zu machen.
Die wussten alles, nur brauchten sie Jemanden, der ihnen alles bestätigt (bezeugt).

Von mir wussten sie bis dahin gar nichts, denn was sollte es schon zu wissen geben.
Was die Polizeibeamten noch nicht wussten, habe ich ihnen dann erzählt.
Das war nämlich das Geheimnis mit den Filmdöschen.